Der Ursprung des Geschlechts Pagendarm läßt sich sicher bis ins 15. Jahrhundert in Wiedenbrück zurückverfolgen. Der Name selbst existierte wohl in ähnlicher Form bereits lange vorher im Raum Lippstadt. 1291 tritt ein Conradus Pagentane als Zeuge in einer Urkunde des Klosters Benninghausen auf1. 1292 Amelungo dictus Pagentayn, Priester in Lippstadt2, 1294 wird wohl der gleiche Amelungo als Kaplan in Lippstadt genannt3.1323 Conradus Pagentan civis in Lippia als Zeuge in einer Urkunde4. Dieser Konrad Pagentan wird nochmals am 5.5.1330 bei einem Marienfelder Rechtsgeschäft genannt5.Eventuell muß man den Ursprung der Pagendarm in Lippstadt suchen, denn die Ähnlichkeit der Namen legt eine Verbindung nahe. Ein Wappen, wie das der Pagendarm (3 Blätter6) wird in dieser Zeit im Raum Schwerte von einer Reihe von Familien geführt, die ihre Abstammung alle von der Familie de Altena ableiten.7
Wahrscheinlich sind jedoch die Träger des Namens im männlichen Stamme ausgestorben. Die männliche Linie der heute lebenden Pagendarm und der Träger dieses Namens in den vergangenen Jahrhunderten stammen alle von Conrad Busse genannt Pagendarm in Wiedenbrück ab. Conrad entstammte einer Warburger Ministerialen- und Patrizierfamilie, welche wohl in die Familie Pagendarm eingeheiratet hatte. Die näheren Umstände der Verbindung zwischen beiden Familien ließen sich bislang nicht klären. Beide Familien müssen eine herausragende Bedeutung gehabt haben, was sich unter anderem darin äußert, daß beide Nachnamen in der Form Busse genannt Pagendarm über drei Generationen beibehalten wurden. Letztlich hat sich der Familienname Pagendarm durchgesetzt.
Die Familie Busse in Warburg wurde von Heidenreich8 erforscht und dokumentiert. Die männliche Linie läßt sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Familie stellte über Jahrhunderte Ratsmitglieder in Warburg und wird zu den Rittergeschlechtern des Paderborner Raums gezählt. Durch Konnubium mit den Geschlechtern von Brakel, von Calvelage und von Amelunxen ergeben sich Ahnen in den deutschen Uradel bis hin zu Karl dem Großen.
Ansicht der Stadt Warburg 1575
Während ein Zweig der Familie Busse auf dem Gut Dalheim bei Warburg einer Lebensweise anhing, wie sie dem landsäßigen Adel entspracht, gehörten andere Zweige dem städtischen Patriziat in Warburg an. Diese stellten zahlreiche Bürgermeister. Der Familie entstammen berühmte Kleriker und Juristen. Die Familie hatte eine Reihe von dokumentierten Verbindungen nach Wiedenbrück. Im 15. Jahrhundert verlieren sich die Spuren der Familie Busse in Warburg. In einer 1444 erstellten Liste der ausgestorbenen Rittergeschlechter des Hochstifts Paderborn werden ,de Büssen"aufgeführt9. Zu diesem Zeitpunkt spielten etwaige Nachkommen der Busse in der Ritterschaft des Hochstifts also schon keine Rolle mehr.
Das Gut Dalheim war Sitz eines Zweigs der Warbuger Familie Busse bis 1423
Der gesicherte Urahn des Geschlechts Pagendarm ist Conrad Busse genannt Pagendarm. Ein zeitgenössisches Dokument, was seinen Vater identifiziert, ist bisher nicht bekannt geworden. Vor ihm tritt in Wiedenbrück Ludolf Busse auf, der mit hoher Wahrscheinlichkeit als Vater in Frage kommt, da er der einzige dokumentierte Träger des Namens Busse ist. In der Literartur zur frühen Geschichte der Pagendarms wird daher regelmäßig die Auffassung vertreten, daß man in Ludolf den Vater von Conrad anzunehmen hat. Bisher fehlten allerdings jede Hinweise auf die Herkunft der Busse. Erwähnt wurde lediglich, daß ein Ludolf Busse, der 1362 und 1402 als Gograf in Paderborn auftritt, möglicherweise mit dem Wiedenbrücker Ludolf Busse identisch ist. Der Name Busse taucht um 1400 mit dem Knappen Hermann Busse in der Wiedenbrücker Gegend auf, der am 7.9.1400 in einer Marienfelder Urkunde erwähnt wird und am 21.12.1406 vor dem Wiedenbrücker Richter die Tegelkuhle vor der Ostpforten an Bürgermeister Godeke de Heverne verkauft. 10
Erst die Arbeit Heidenreichs zur Genealogie führender Familien des mittelalterlichen Warburg erlaubt über die Herkunft der Busse stichhaltige Vermutungen anzustellen. In den bis dahin bekannten und veröffentlichten Urkunden finden sich nur vereinzelt Nachrichten über Träger des Namens Busse, so daß sinnvolle Annahmen nicht gemacht werden konnten. Heidenreich hat eine große Anzahl von Quellen zusammengetragen und ausgewertet, die ein detailliertes Bild der Warburger Familien, darunter die Busse, zeichnet. Heidenreich verwendet dabei durchgängig die Bezeichnung ,von Busse". Da in den veröffentlichten Quellen jedoch die Schreibweise ,Busse"überwiegt, soll hier auch diese Schreibweise angewendet werden. Beim Studium der Heidenreich´schen Arbeiten stellt man zunächst fest, daß die Warburger Busse von der sozialen Stellung her gut als Ursprung der Wiedenbrücker Busse in Frage kommen. Bei der Bedeutung, die die Busse genannt Pagendarm von Anfang ihres Auftretens an in Wiedenbrück hatten, ist es nicht möglich, daß sie ohne entsprechende Vorgeschichte plötzlich auftreten. Bei der recht guten Quellenlage im westfälischen Raum ist es auch unwahrscheinlich, daß die Familie nicht vorher bereits ihre Spuren hinterlassen hat. Nur die Tatsache, daß die Quellen zu Warburger Familien erst so spät ausgewertet wurden, erklärt das bisherige Rätsel, um die Herkunft der Busse in Wiedenbrück.
Die Busse in Warburg bieten sich als passende und bisher einzige Erklärung an. Bei genauerer Untersuchung kommt man zu der Feststellung, daß der Wiedenbrücker Ludolf Busse wohl identisch mit Ludolf II v. Busse aus der Heidenreich´schen Stammtafel sein dürfte. Diese Auffassung wird inzwischen auch von Heidenreich vertreten11. Mutter oder Stiefmutter von Ludolf II war Oleke von Judden (auch de Yode). Der Sohn des Wiedenbrücker Ludolf Busse, Conrad Busse genannt Pagendarm kauft später von der Familie von Judden das Gut Hennekenhaus12. Der bereits erwähnte Hermann Busse, der ebenfalls Besitz in Wiedenbrück hatte, war ein Onkel von Ludolf II. Die Warburger Busse waren auch mit den von Amelunxen verschwägert, die ebenfalls in Wiedenbrück einen Adelssitz13 hatten. Ein Bruder von Ludolf II Busse, ebenfalls ein Conrad Busse, war Dechant am Busdorfstift. Er wendete erhebliche Mittel für das Stift auf. Außerdem stiftete er das St. Nikolai Benefizium an der Altstadtkirche in Warburg. Dieses wurde über seine Schwester Christine Busse an deren Enkelin Angela v. Listingen vererbt, die einen Hermann Volmari heiratete14. Dieser hat vermutlich mit der Wiedenbrücker Familie Volmari gemeinsame Ahnen.
Diese zahlreichen Verbindungen machen die Annahme, daß ein Zweig der Warburger Busse sich in Wiedenbrück niedergelassen hat sehr sicher. Auch wenn sich bisher keine Quellen finden ließen, die explizit auf familiäre Verbindungen eingehen, kann man mit dieser Annahme beruhigt weiterarbeiten, zumal sich auch keine widersprüchlichen Quellen finden ließen.
Somit muß man annehmen, daß Conrad Busse genannt Pagendarm wohl derjenige ist, welcher die Verbindung mit der älteren Familie Pagendarm darstellt. Wenn, wie anzunehmen ist, dieser Namensübernahme eine Ehe zugrunde liegt, so muß die Hochzeit um 1420 erfolgt sein. Leider wissen wir über die Ehefrau und ihre Familie bisher nichts. Im 13. Jahrhundert und Anfang des 14. Jahrhunderts taucht in Lippstadt der Name Pagentan oder Pagentayn auf15. Die Verbindung nach Wiedenbrück konnte bisher noch nicht näher ergründet werden. Jedenfalls muß die Familie den Busse, die ja ritterlichen Ursprungs waren, durchaus ebenbürtig gewesen sein, ansonsten wären weder die Heirat noch die Übernahme des Familiennamens erklärbar.
1. Westfälisches Urkundenbuch , hrsg. von dem Verein für Geschichte und AlterthumskundeWestfalens. - Münster: Regensberg, 1871-1993 VII, Nr.2201 (15.8.1291) Zeuge beim Verzicht des Friedrich von Eller auf seine Ansprüche an Gütern zu Velmede und Oevinghausen (Krs.Soest) [wohl als Bürger oder auch Ratsherr zu Lippstadt], Org. Kl.Benninghausen, Nr.63.
2. Westfälisches Urkundenbuch , hrsg. von dem Verein für Geschichte und AlterthumskundeWestfalens. - Münster: Regensberg, 1871-1993 VII, Nr.2225, Orig. Stiftsarchiv Lippstadt, Dep. Reg. Preuss/Falkmann 2, Nr.517
3. Westfälisches Urkundenbuch , hrsg. von dem Verein für Geschichte und AlterthumskundeWestfalens. - Münster: Regensberg, 1871-1993 VII, Nr.2284 (28.1.1294) ohne Familiennamen genannt, doch wohl der 1292 genannte Priester.
4. Westfälisches Urkundenbuch , hrsg. von dem Verein für Geschichte und AlterthumskundeWestfalens. - Münster: Regensberg, 1871-1993 VIII, Nr.1671 (28.6.1323), Org. Cappenberg, Depositum Nr.221: Zeuge bei einem Rentenverkauf.
5. Schmidt-Czaia , Bettina, Das Kollegiatstift St. Aegidii et Caroli Magni zu Wiedenbrück: (1250 - 1650), Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 1994. (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen; 33) Zugl.: Münster, Univ., Diss., 1992, S.305 Anm.1327: StAM, Kloster Marienfeld, Urkunde 569.
6. Abbildung des Wappens auf dem Siegel des Richters und späteren Bürgermeisters Johann Pagendarm an einer Urkunde des Stifts zu Wiedenbrück (StAM, Stift Wiedenbrück - Urkunde 271 (4.4.1558))., auf dem Siegel des Ludolf Busse genannt Pagendarm und auf der Hausinschrift am Haus Langestr.55 in Wiedenbrück.
7. Stirnberg , Reinhold, Vom Werden der Stadt Schwerte III, Sobbo de Altena als Herr zu Villigst und Schwerte, Aktive Senioren, Nr.38, März 1997
8. Heidenreich, Friedrich Joseph Liborius,, Warburger Stammtafeln - Genealogien von Geschlechtern der Stadt Warburg und ihrer Nachbarstädte vom 14. bis ins 18. Jahrhundert, Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, Aschendorf Münster, 1987. Heidenreich nennt die Familie, wie es bei adeligen Familien gebräuchlich ist, von Busse. Da aber in den mittelalterlichen Urkunden der Name als "Busse" verwendet wird, soll auch in dieser Arbeit das "von" nur dort verwendet werden, wo es einen Quelltext wiedergibt.
9. Westfälische Zeitschrift , Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde / hrsg. von dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens. - Münster, Bd.40II S.144, Wilhelm Spanken, Manuskripte des Domscholasters v. Engelsheim (Dort auch ein Hinweis auf einen an der Pest verstorbenen Busse v. Asseborg. Ein Zusammenhang mit den Warburger Busse ist für diesen aber nicht erkennbar)
10. Schmidt -Czaia , Bettina, Das Kollegiatstift St. Aegidii et Caroli Magni zu Wiedenbrück: (1250 - 1650), Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 1994. (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen; 33) Zugl.: Münster, Univ., Diss., 1992, S.305 Anm.1327: StAM, Kloster Marienfeld, Urkunde 1073, und Stadtarchiv Rheda-Wiedenbrück, Urkunde 21. Dieser Hermann wäre laut der Heidenreich´schen Stammtafel ein Onkel des Conrad Busse genannt Pagendarm
12. Flaskamp , Franz Xaver, Hennekenhaus und Bosfeld, Ein Beitrag zur westfälischen Hofes- und Familiengeschichte, 69. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, Bielefeld, 1974
13. Haus Außel, so benannt nach der ersten Besitzerfamilie v.Odeslo. König, Joseph, Das Fürstbischöflich-Osnabrückische Amt Reckenberg, in seiner territorialen Entwicklung und inneren Gestaltung, Dissertation, Münster, 1939
14. nach W. Thoene, Die v. Busse zu Dalheim, Die Warte 5, 1937, S. 77-80, in Erzbischöfliches Generalvikariat Akten Warburg Bd.1, 10 S.90-93. Ein Brief des Mainzer Augustiner Chorherrn Heinrich Thoene an den Pfarrer der Altstädter kirche Bertram in dem er sich als alleinigen Nachkommen der Familie Busse über seine Großmutter Engele Volmari (Angela v. Listingen) bezeichnet und die Erbnachfolge geltend macht. Zu jener Zeit bestanden offensichtlich zahlreiche Verbindungen zwischen Warburg und Wiedenbrück, so z.B. zwischen den Familien Derenthal und Wippermann, Heistermann und Hatteisen (Hatis), beide mit den Wippermanns verschwägert, sowie vermutlich auch innerhalb der Familien Heising und Volmari, siehe Heidenreich, Warburger Stammtafeln.
15. 1291 tritt ein Conradus Pagentane als Zeuge in einer Urk. Nr. 63 des Klosters Benninghausen auf WUB. 1292 Amelungo dictus Pagentayn, Priester Stiftsarchiv lippstadt, WUB. 1294 Amelungo, Kaplan in Lippstadt.1323 Conradus Pagentan civis in Lippia als Zeuge in einer Urkunde, Kappenberg-Depositum Nr.221 WUB.Dieser Konrad Pagentan wird nochmals am 5.5.1330 bei einem Marienfelder Rechtsgeschäft genannt ( Flaskamp, Franz Xaver, Hennekenhaus und Bosfeld, Ein Beitrag zur westfälischen Hofes- und Familiengeschichte, 69. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, Bielefeld, 1974, nach StA Münster, Kloster Marienfeld Urk 569). Eventuell muß man den Ursprung der Pagendarm in Lippstadt suchen.



