Von Dr.-Ing. Hans-Georg Pagendarm
Die heute besonders in Norddeutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika lebenden Träger des Familiennamens Pagendarm können ihre Herkunft ausnahmslos auf einen Stamm im westfälischen Wiedenbrück zurückführen. Die ältesten Kirchenbücher des damals dem Fürstbistum Osnabrück zugehörigen Wiedenbrücks liegen dankenswerterweise als von Franz Xaver Flaskamp veröffentlichte Buchreihe vor. Auch sonst haben Mitglieder der Familie Pagendarm reichlich Spuren in der Literatur hinterlassen, besonders in der Kirchengeschichte des Bistums. Bisher fehlt es jedoch an einer zusammenfassenden Darstellung. Bei der Arbeit an einer solchen Geschichte der Pagendarm bin ich auf eine interessante Teilproblematik gestoßen, die hier dargestellt werden soll.
Schon das erste Auftauchen des Namens Pagendarm hat bereits im Zusammenhang mit einem Urkundenkomplex um den Besitz eines Gutes bei Boesfeld seinen Niederschlag in der Literatur 1 gefunden. Als ältesten bekannten Träger des Namens findet man in einer Urkunde vom 2.Okt. 1423 (heute im StA Münster) einen Corde Pagendarme erwähnt, der das adelige Gut Henneken-Hus to Boysfelde von Johan de Yode , d.h. einem Mitglied jener Familie v.Juden , die später ihren Adelssitz in Borgentreich hatte, kaufte. Dieser Cord Pagendarm wird an anderer Stelle 2 auch Cord Busse genannt. Er war u.a. gräflicher Bürgermeister in Rheda. Sein Sohn Ludecke genannt verkaufte das von seinem Vater erworbene Hennekenhaus, welches zwischenzeitlich auch Pagendarms Gut genannt wird, an die Stadt Rheda. Von eben diesem Verkauf handelt der angesprochene Urkundenkomplex, mit dem Flaskamp seine Beschreibung des Hennekenhauses beginnt.
Die Urkunden liefern aber nebenbei auch weitere Informationen zu dem merkwürdigen Phänomen, daß Ludekes Vater Cord sowohl unter dem Namen Busse als auch unter dem Namen Pagendarm auftritt. Auch Ludeke selbst wird zum Teil in einundderselben Urkunde mit unterschiedlichen Namen bezeichnet. So findet man: Ludeke Busse anders geheten Pagendarm, Ludeken Bussen genohmt Pagendarm oder einfach Lüdeke Paghendarm.
Man erfährt auch die Namen von drei Kindern des Ludeke, nämlich Claes, Conradus und Gertrut, die den Verkauf mit siegeln. Das Siegel des Ludeke zeigt einen Schild mit einem Ast mit drei Blättern. Die schlecht erhaltene Umschrift läßt sich Ludeke Pagendarm lesen. Von zwei weiteren Kindern des Ludeke berichtet unter anderem der westfälischen Geschichtsschreiber Hermann Hamelmann 3 , der Johann und Paul als Brüder des oben genannten Conradus erwähnt.
Conradus Pagendarm studierte zum Magister artium, war kurkölnischer Offizial in Werl und wurde 1512 mit dem Hühnefeld'schen Burgmannslehen zum Reckenberg belehnt. Neben seiner Tätigkeit als Kleriker war er auch Notar. Hamelmann beschreibt ihn als einen gelehrten Juristen seiner Zeit. Leider habe ich bisher noch keine Schriften von ihm finden können.
Sein Bruder Paul war Ratsherr und Kaufmann in Lemgo. Der andere Bruder Johann kam zu Vermögen und Ansehen als lippischer Rat und Geheimsekretär Bernhard VII. zu Lippe, später trat er als Pfarrer in der von Bernhard VII. erbauten, damals wichtigen Wallfahrtskirche in Blomberg auf. Nach dem Tode Bernhards war er zwischen 1516 und 1523 Probst des Klosters Obernkirchen an der Seite der Priorin Helena v. Benningsen. Entsprechend viele Urkunden zeugen von seinem Wirken. Meistens wird er in diesen Urkunden als Johann Busse genannt Pagendarm bezeichnet.
Damit ist der doppelte Nachname Busse genannt Pagendarm über mindestens drei Generationen nachweisbar. Ende des 16. Jh. hat sich dann der Familienname Pagendarm durchgesetzt.
Auffällig ist daran, daß sich diese Namenskonstruktion so lange erhalten hat. Bei der im Westfälischen üblichen Übernahme von Hofnamen, welche ebenfalls zu Namen mit "genannt" führen, werden die nachfolgenden Generationen nur mit dem Hofnamen angesprochen. Es ist nicht bekannt, aus welchem Grund die Busse den Namen Pagendarm annahmen; man darf aber wohl vermuten, daß eine Einheirat des oben erwähnten Cord Busse in die Familie Pagendarm, der Grund dafür war. Man muß annehmen, daß die Busse einen sehr angesehenen Status hatten. Anders wäre es nicht erklärbar, daß die Busse genannt Pagendarm die beschriebenen Positionen als rietbergische, lippische, kölnische und osnabrücker Ministerialen erreichen konnten. Offenbar war es die bedeutende Herkunft, welche die Busse veranlaßte, an ihrem Namen weiter festzuhalten.
Das Ungewöhnliche dieses Doppelnamens ist naturgemäß schon anderen Autoren aufgefallen. Um so erstaunlicher ist es, daß in den zahlreichen Arbeiten, die sich mit Wiedenbrücker Patrizier- und Ratsfamilien beschäftigen, kein sinnvoller Hinweis über den Ursprung der Busse zu finden ist. Bestensfalls trifft man auf die Vermutung, die Busse seien eine Paderborner Ministerialenfamilie. Diese These vertritt zuletzt noch Bettina Schmidt-Czaia in ihrer bemerkenswerten Dissertation aus dem Jahre 1994, 4 die im übrigen reichhaltige Information über diejenigen Mitglieder der Familie Pagendarm bietet, die in der Geschichte des Wiedenbrücker Kollegiatsstifts eine bedeutende Rolle spielten.
Unter den Familien Paderborns in jener Zeit treten die Busse allerdings nicht auf. Angesichts der Rolle, die die hier betrachteten Busse genannt Pagendarm aber bereits im 15. Jahrhuntert spielten, muß man davon ausgehen, daß eine Familie von diesem Rang in den erhaltenen Quellen erfaßt wäre. Träger des Namen Busse kommen zwar unter den Ministerialen des Paderborner Bischofs vor und ein Conrad Busse wurde als Dekan und später Probst des Busdorfstiftes in Paderborn bekannt. Der Handlungsschwerpunkt dieser Familie lag aber offenbar nicht in Paderborn.
Angetrieben von der Überzeugung, daß diese Busse nicht aus dem Nichts auftauchen und in die ständisch orientierte Gesellschaft des 15. Jahrhunderts eindringen konnten, habe ich nach einer Familie Busse gesucht, mit der sich die Herkunft der Busse genannt Pagendarm erklären ließe. Dabei stieß ich auf die von H. Stoyan auf dem Internet angebotenen Datenbank des europäischen Adels. 5 Dort findet sich nämlich ein Ludolph v.Busse. Über die abfragbaren Quellenangaben wurde ich auf die umfangreiche Studie von Warburger Familien von J.F.L. Heidenreich 6 aufmerksam. Dieser dokumentiert über 8 Generationen die Familie v.Busse aus Warburg zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. Diese neuere Arbeit, die sich auf eine Vielzahl heute verstreuter Quellen zur Warburger Geschichte stützt, war früheren Autoren nicht bekannt. Die Familie v. Busse stellte Ratsherren und Bürgermeister in Warburg; ein Zweig saß auf dem unterhalb der Stadt an der Diemel gelegenen und heute noch vorhandenen Gut Dalheim, ein Lehen der Spiegel zum Desenberg. Aus dieser Familie entstammen auch die erwähnten Ministerialen des Paderborner Bischofs und der Busdorfdekan. Zu den Busse Warburger Ursprungs zählt auch ein Knappe Hermann v.Busse, der 1406 die Teghelkuhle vor der Ostpforte von Wiedenbrück verkauft. 7 Ich verwende hier durchgehend nach dem Heidenreich'schen Vorbild den Namen v.Busse für die von ihm beschriebene Warburger Familie, obwohl sich das "von" üblicherweise nicht immer in den Urkunden findet. Die mit der Familie Pagendarm eindeutig verbundenen Busse sind zur leichteren Abgrenzung ohne "von" aufgeführt.
Auffällig ist schließlich auch die Folge der Vornamen. In Wiedenbrück finden wir Cord Busse (Conrad, * um 1400, + nach 1442), Ludecke (Ludolph) Busse genannt Pagendarm(* um 1430, + nach 1474) , Conradus Pagendarm ( um 1450, +1533). In Warburg findet sich die Folge: Ritter Ludolph v.Busse (+ nach 1367), der Knappe Conrad v.Busse (+ nach 1388) , Ludolpf v.Busse (zuletzt erwähnt 1402). Geht man davon aus, daß sich, wie damals üblich, eine alternierende Folge von Vornamen ergeben sollte, so findet man in der Genealogie Heidenreichs jenen Ludolph Busse (erw. 1402), der von den Lebenszeiten als Vater des Cord Busse in Frage kommt. In diesem Fall ergibt sich eine ununterbrochene Folge der Vorname im üblichen Wechsel von Ludolph und Conrad über 6 Generationen. Dieser Ludolph v.Busse war Gograf und Geistlicher in Paderborn. Über seine Kinder ist Heidenreich nichts bekannt, d.h. sie traten nicht mehr in Warburg auf. Laut Rücksprache mit Herrn Heidenreich ist jedoch nicht auszuschließen, daß er Kinder hatte. Ludolphs Neffe war der erwähnte Busdorfdekan Conrad. Sein Vater war der Knappe Conrad v.Busse, Ratsherr und Richter in der Stadt Warburg. Sowohl die geistliche als auch die juristische Tradition findet sich auch später bei den Wiedenbrücker Busse. Dieser Knappe und Warburger Richter Conrad Busse war mit einer Oleke v. Juden verheiratet, offensichtlich einer Verwandten jenes Johan de Yode , von dem sein vermutlicher Wiedenbrücker Enkel das Hennekenhaus erwarb. Eltern des Conrad waren der Ritter Ludolph v.Busse und eine Tochter des Johann v. Brakel.
Obwohl Herr Heidenreich mir freundlicherweise die Angaben zu den von ihm verwendeten Quellen zur Verfügung stellte, ist es bisher noch nicht gelungen, ein Dokument zu finden, das die Vaterschaft des Warburger Ludolph Busse zu Cord Busse genannt Pagendarm zweifelsfrei beweist. Es spricht jedoch vieles dafür, daß die hier über 6 Generationen beschriebene Linie von Busse mit der wechselnden Abfolge der Vornamen Conrad und Ludolph den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht: Der offenbar bestehende Grundbesitz der Warburger v.Busse in Wiedenbrück und der Zeitpunkt des Verschwindens in Warburg 8 und des Auftretens in Rheda bzw. Wiedenbrück. Wenn auch Zweifel an der konkret vorgeschlagenen Linie bleiben, so darf man zumindest annehmen, daß die Warburger Familie v.Busse als Ursprung der Busse genannt Pagendarm anzusehen ist. Beide Familien heiraten in die gleichen Kreise. So ist die Frau von Conradus Busse genannt Pagendarm, Margarete Volmari, die Urenkelin einer v.Juden. Die Familie Volmari (oder Volmar) hat wohl ebenfalls ihren Ursprung im Warburger Raum.
Die hier gebotene Darstellung gibt eine sinnvolle Antwort auf die in früherer Literatur offen gebliebene Frage nach der Herkunft der Busse genannt Pagendarm . Wenn ich auch bisher noch den letztgültigen Beweis schuldig bleiben muß, so meine ich doch, daß sich genügend Indizien finden, die meine These stützen, so daß eine Veröffentlichung gerechtfertigt erscheint. Vielleicht trägt ja auch gerade diese Veröffentlichung dazu bei, die Lücke zu schließen. Denn trotz intensiver Recherche und reichlicher Unterstützung durch Historiker und Genealogen wird in den Archiven vielleicht doch noch des Rätsels Lösung schlummern.
1. Flaskamp , Franz Xaver, Hennekenhaus und Bosfeld, Ein Beitrag zur westfälischen Hofes- und Familiengeschichte, 69. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, Bielefeld, 1974
2. Rothert , Hermann, Die mittelalterlichen Lehnbucher der Bischöfe von Osnabrück, Osn, Geschichtsqu. Bd. 5, S. 159
3. [ Hamelmann, Hermann, Opera Genealogico-Historica, De Westphalia et Saxonia Inferiori, gedruckt bei Ernesto Casim. Wasserbach, Lemgo 1711,
4. Schmidt-Czaia , Bettina, Das Kollegiatstift St. Aegidii et Caroli Magni zu Wiedenbrueck : (1250 - 1650), Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 1994. (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen ; Band 33) Dort heißt es S. 305 "Der name Busse stammte aus einer vornehmen Paderborner Familie"
6. Heidenreich , Friedrich Joseph Liborius , Warburger Stammtafeln - Genealogien von Geschlechter der Stadt Warburg und ihrer Nachbarstädte vom 14. bis ins 18. Jahrhundert, Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, Aschendorf Münster, 1987
8. Westfälische Zeitschrift , Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde / hrsg. von dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens. - Münster, Bd.40II S.144, Wilhelm Spanken, Manuskripte des Domscholasters v. Engelsheim (Dort auch werden die "de Büssen" zu den 1444 bereits ausgestorbenen Rittergeschlechtern im Hochstift Paderborn gezählt.)
