Via Domitia, seit zwei Jahrtausenden das Rückgrat des Languedoc
Gallisches Puzzle
von Hans-Georg Pagendarm
Ruhe, Sonne, Sand und Meer; ein ganz entspannter Urlaub soll es werden. Der Job hat über Monate
die Batterien langsam aber sicher entladen. Körper und Seele verlangen eine Pause. Die Mittelmeerküste
des Languedoc ist da genau richtig. Auf dem Camping findet sich ein schöner Stellplatz direkt am Strand.
Hier werde ich bleiben.
Was aber, wenn nach dem ersten Durchatmen die Twin verlockend in der Sonne glänzt, bewegt werden will? Nun, da gibt es etwas mysteriöses, was mich seit Jahren schon magisch anzieht. Wie ein Band zieht es sich die ganze Küste Südfrankreichs entlang und doch kann man es nicht einfach aufspulen. Es ist ein Puzzle, welches darauf wartet Stück für Stück zusammengelegt zu werden. Man muss es erfahren, und zwar so, wie Motorradfahrer nun einmal dieses Wort interpretieren. Und das schönste daran: ich kann immer wieder abends zurück an den Strand und bei kühlender Brise den Rotwein geniessen.
Der Name des Puzzles ist Via Domitia. Diese Strasse, die der römische Prokonsul der Provinz Gallien in Narbonne,
Cneus Domitius Ahenobarbus, im Jahre 121 vor Christus bauen ließ, durchzieht Südfrankreich von der spanischen Grenze bis
an die Rhone. In Spanien hat sie Anschluss an die Via Augusta und im Osten ist sie durch die Via Aurelia mit Italien
verbunden. Die Via Domitia ist meist nur ein paar Kilometer von der heutigen Küste entfernt. Sie war und ist es bis heute
prägend für die Landschaft, die Kultur und die Infrastruktur dieser Region. Als zusammenhängende Strasse existiert die
Via Domitia natürlich schon lange nicht mehr. Um zu erfahren, wie und warum diese Strasse die Entwicklung des
Languedoc so stark beeinflußt, muss man ihre einzelnen Stücke suchen und sich selbst ein Bild machen.
Dies ist manchmal gar nicht so einfach und daher eine wirklich spannende und fesselde Beschäftigung für diesen
Urlaub. Ganz nebenbei bekommt man viel Abwechselung geboten: vom gemütlichen Cruisen bis zu Enduropassagen,
Kultur, Architektur und Landschaft, Begegnungen mit den Menschen, die hier leben, und nicht zuletzt, die kulinarischen
Freuden der mediteranen Küche.
Genau wie bei einem Puzzlebild fange ich mit einem Teil an, wo mein Motiv klar und deutlich sichtbar ist. Von dort kann
man dann, in beide Richtungen weiter anstückeln. Die Via Domitia bietet mehrere solcher Einstiegspunkte. Ich entscheide
mich für eine Stelle in der Mitte in der Nähe des Orts Pinet. Pinet ist bekannt für seinen Picpoul, ein fruchtiger Weisswein,
der sich als idealer Begleiter zu Austern und Muscheln empfielt, die hier ganz in der Nähe im Etang de Thau gezüchtet
werden. Im Ort Pinet folgt man der Beschilderung zur Cooperative. Dort angekommen klärt eine grosse Tafel in
mehreren Sprache über die Via Domitia auf und weist auf ein archäologisches Schaustück auf dem Gemeindegebiet von Pinet
hin. Ich entscheide mich, den Kauf des Picpouls noch etwas zu verschieben und erst einmal der Beschilderung zu dieser
Stelle zu folgen. Zunächst geht es auf einer einspurigen Asphaltstrasse unter der A9 hindurch und dann mit ein paar
gekennzeichneten Abzweigen Richtung Nordosten. Die letzten paar hundert Meter geht es über einen gut befahrbaren
Schotterweg in einen Pinienwald mit Picknickplätzen. Die Archäologen haben hier quer durch die Trasse der Via Domitia gegraben.
Die Strasse selbst liegt auf einem etwa einem Meter hohen Damm mit seitlichen Drainagegräben. Diese Bauweise
bewirkt offensichtlich die hohe Widerstandsfähigkeit gegen Erosion durch Regen, die die Trasse über zwei Jahrtausende
geschützt hat. An dem freigelegten Querschnitt kann man sehr schön den Aufbau des Strassenunterbaus aus verschiedenen
Schotterschichten erkennen. Eine mehrsprachige Tafel erläutert die bewundernswerte Strassenbautechnologie der Römer.
Die Ausgrabung selbst ist durch ein Dach gegen Regen geschützt.
Richtung Osten ist der Damm zugewachsen, jedoch etwa hundert Meter weiter führt ein Weg auf den Damm. Die Via Domitia
dient hier heute den Weinbauern als Zufahrt zu Ihren Feldern. Ich gebe der Twin die Sporen und wuchte sie auf den Damm.
Von hier folge ich dem Verlauf der Trasse nach Osten. Eine Beschriftung auf einem Hinweisstein weist mich zu einem Aussichtspunkt, nur etwa hundert Meter nördlich der Trasse. Die Tourismusverantwortlichen von Pinet erläutern
auf einer übersichtlichen Tafel die Bedeutung dieser alten Route, die schon vor ihrem befestigten Ausbau
durch die Römer ein Handels- und Heeresweg war und auch nachweislich von Hannibal und seinen Elefanten genutzt wurde.
Heute verlaufen die Autobahn, die TGV-Strecke, eine Gaspipeline und Hochspannungsleitungen parallel oder gar auf der
alten Trasse. Hier erfahre ich auch, warum an Stellen wie dieser, wo die römische Trasse nicht unter dem Asphalt
einer modernen Strasse begraben ist, auch heute noch ein Weg ist. Die Via Domitia
war nämlich Ausgangsachse der römischen Landvermessung, die das Land zu beiden Seiten nach einem quadratischen Raster
aufteilte. Von meinem erhöhten Standpunkt kann man das Raster in der Landschaft heute noch erkennen. Es sind Feldgrenzen,
Hecken oder Wege, die sich zu einem Schachbrettmuster zusammenfügen. Auf Luftaufnahmen wäre dies sicher noch schöner
zu sehen. Die Via Domitia war also immer eine Grundstücksgrenze und diese Grenzen werden wohl nur selten verändert. Und
da sich in Frankreich niemand aufregt, wenn man behutsam an der Grenze seines Feldes entlang tuckert, werde ich oft auch
dort der Trasse folgen können, wo kaum noch jemand um die geschichliche Bedeutung des Pfades weiß.
Für heute spare ich mir weitere Offroadeinlagen und nehme mir vor, mit besserer Vorbereitung weitere Stücke des Puzzles
zusammen zu setzen. Den Abend verbringe ich mir dem Studium topographischer Karten. Mein Plan ist es, sowohl die
versteckten Teile der Trasse zu finden, als auch die architektonischen Vermächtnisse der Römer anzufahren, besonders
natürlich die Brückenbauten im Verlauf der Via Domitia. Es ist klar, dass man nicht überall auf der Trasse fahren kann oder
darf. Die knifflige Aufgabe besteht also darin, die Trasse wieder zu finden, wenn man zu Umwegen gezwungen wird, weil
gerade mal wieder ein Steinbruch oder eine Autobahn im Weg ist. Auf den französischen Karten sind Teile der Trasse, meist
dort, wo sie heute als kleine Strasse, ein sog. "chemin rural", erhalten sind, durch Beschriftungen wie
"ancien chemin romain" oder "chemin de la monaie" gekennzeichnet.
Verbindet man diese bekannten Teilstücke durch eine gedachte gerade Linie,
so kann man vermuten, wo die alte Trasse heutige Strassen und Wege kreuzt. An jedem dieser Kreuzungspunkte bestehen
gute Chancen die Trasse wieder zu entdecken. Fährt man diese Punkte an, so wird man oft durch Hinweisschilder, in den
Ortschaften durch die Namen von Strassen und Plätzen, oder aber durch originale oder restaurierte
Meilensteine bestätigt. Das Ganze wird für mich zu einem spannenden Spiel.
Es gibt immer wieder kleine Entdeckungen zu machen. Und es ergeben sich unzählige
Begegnungen, wenn ich suchend herumkurve, weil die freundlichen Anwohner mir,
als scheinbar verirrten Motorradtouristen, den Weg erklären wollen. Ich versuche dann, mit meinen kümmerlichen
Französischkenntnissen und viel Pantomime zu erklären, was mich so umtreibt. Dann erhalte ich oft gute Tipps.
Wie immer, wenn ich nach Südfrankreich komme, brenne ich darauf, mal wieder Schotter unter die Räder zu bekommen.
Daher geht es am nächsten Tag gleich wieder zu dem Teilstück östlich von Pinet. Da die Trasse alle paar Kilometer von
Strassen gekreuzt wird, kann man auch dieses wohl fahrerisch anspruchsvollste Stück der Via Domitia ohne Probleme mit einer
Strassenmaschine erkunden, in dem man gelegentlich Umgehungen nutzt. Mit etwas Übung läßt sich aber selbst mit der schweren
Reiseenduro auch die Trasse direkt befahren. Vom Aussichtspunkt bei Pinet fahre ich auf der Trasse nach Osten.
Vorsichtig um Schlaglöcher und grobe Steine herumfahrend geniesse ich vom erhöhten Damm die Aussicht
über die Weinfelder. Es riecht nach Thymian.
Nach ein paar Kilometern, in einer Senke, stosse ich auf einen Meilenstein. Diese sind einfache runde Steinsäulen, die mit
Farbe entsprechend der Entfernung zu Narbonne beschriftet waren. Dieser hier wurde an Ort uns Stelle
vor einigen Jahren im Bachbett entdeckt und wieder aufgestellt. Er ist einer der wenigen originalen aus
römischer Zeit und er hat Modell gestanden für viele andere, die man inzwischen entlang der Strecke an den
authentischen Positionen rekonstruiert hat.
Weiter nach Osten ist die Trasse durch eine Landstrasse und den Bau einer Gaspipeline ziemlich zerstört.
Um der Trasse dennoch zu folgen, muss ich die Twin einen steilen Hang mit groben Felsbrocken hochwuchten.
Oben belohnt eine schöne Aussicht nach rückwärts und der nächste Meilenstein. Die Trasse folgt noch eine
Weile der Pipeline und verliert sich dann in einem Weinfeld. Ich muss eine
ziemlichen Umweg fahren und finde erst in einem Wäldchen wieder einen Weg, der zum Trassenverlauf passt. Meine
Vemutung wird bestätigt als ich auf einen Hinweisstein stosse. Diese kleinen grauen Steine mit dem
aufgedruckten Symbol eines römischen Streitwagens wurden an vielen Wegkreuzungen aufgestellt,
um Touristen auf die Via Domitia aufmerksam zu machen.
Ich nehme die Fährte wieder auf, kreuze bald die N113 und komme in die Nähe der Autobahn. In mitten eines Weinfeldes endet
die Trasse vor einer zehn Meter tiefen Schlucht. Der kleine Bach unten ist im Sommer kaum zu sehen. Aber bekanntermassen
können die Gewässer hier plötzlich zu Fluten anschwellen, wenn es in den Bergen regnet.
Hier ist definitiv Schluß für das Motorrad.
Der notwendige Umweg führt mich in den malerischen Ort Loupian. Wie alle Ortsnamen auf "-an" in dieser Gegend
bedeutet dies, dass der Ort an der Stelle einer römischen Villa entstanden ist, in diesem Fall hat sie wohl
einem Mann namens Lupus gehört.
Diese Villa hat man gefunden und ausgegraben. Darüber ist ein interessantes Museum gebaut, in dem unter anderem die
großflächigen Mosaike der Villa zu bewundern sind.
Östlich von Loupian stellt sich noch ein Steinbruch in den Weg und ich kann erst westlich von Poussan wieder auf die Trasse
finden. Östlich von Poussan dann verschwindet die Trasse unter dem Asphalt der D119E. In flotter Fahrt komme ich
vorbei an etlichen Meilensteinen nach Montbazin. Die Namen der Strassen, besonders die Rue du Forum erinnern daran,
dass hier, wo heute Weinfelder sind, einmal eine bedeutende römischen Ansiedlung namens Forum Domitii lag.
Die Position des Ortes, der auf antiken Karten verzeichnet
war, wurde erst kürzlich durch Luftaufnahmen entdeckt. Über Fabregues und Laverune führt die Trasse als D185E
nach Montpellier hinein. Ich beende hier meine Suche für heute.
Wiederum ausgehend von dem archäologischen Schaustück bei Pinet kann man natürlich auch in westliche Richtung
weitere Stücke dem Puzzle hinzufügen. Zunächst kann man der Trasse auf Feldwegen folgen. Teilweise liegen diese
erhöht auf dem alten Damm, so dass ich mich bei der Fahrt durch die Weinfelder ganz dem Genuss der
gemächlichen Fortbewegung in einsamer Landschaft hingeben kann. Bei der Annäherung an St. Thibery
geht die Trasse in einen kleinen Asphaltweg über, den Chemin de la Reine Juliette. Eine wilde Crosspiste
neben der Strasse zeugt von der Begeisterung der hiesigen Jugendlichen für den Motocrosssport. St. Thibery hat auch
einen rührigen Motocrossverein mit einem eigenen Wettbewerbsgelände auf dem erloschenen kleinen Vulkan Mont Ramus.
An manchen Tagen kann man die Strecke gegen eine kleine Gebühr nutzen.
St. Thibery, das römische Cessero, liegt auf der westlichen Seite des Flusses Herault. Die Via Domitia setzt
sich auf dieser Seite mit einem deutlichen Versatz nach Norden fort. Im Stadtgebiet ist ihr Verlauf gekennzeichnet.
Sehenswert sind neben dem mittelalterlichen Konvent vor allem die Basaltformationen mitten in einem Wohnviertel,
wo die Lava in Stäben wie Orgelpfeifen erstarrt ist. Der Übergang der Via Domitia über den Fluss Herault hat sicher
im Laufe der Jahrhunderte ihrer Nutzung gewechselt, da der Fluss regelmäßig extreme Hochwasser führt. Heute kann
man die sogenannte "Pont Romain" besichtigen, die Ruine einer Brücke aus dem Mittelalter.
Ob die Flussquerung der
Via Domitia erst im Mittelalter hierher verlegt wurde, oder ob sich unter der mittelalterlichen Brücke noch
die Struktur einer römischen Brücke versteckt, ist noch Thema von Expertendiskussionen. Mich beeindruckt die
alte Brücke in jedem Fall. Dazu gibt es noch eine mittelalterlich Wassermühle, die den Fluten des Herault nun
auch schon seit Jahrhunderten trotzt. Mit modernen Turbinen ausgestattet, nutzt ein privater Kraftwerksbetreiber
die Gebäude und das Stauwehr nun zur Stromerzeugung. All dies wird mir geduldig erklärt von einem Anwohner, der
hier seinen Hund ausführt. Ausserdem weiss er noch von einem Motorradtreffen, welches am folgenden Tag im nahen
Agde stattfindet.
Westlich von St. Thibery folge ich zunächst der schnurgeraden D18, bis diese sich durch einen Knick von der römischen
Trassenführung verabschiedet. Erwartungsgemäß kann ich geradeaus zunächst auf kleiner Asphaltstrasse und später auf
gepflegter Schotterpiste der alten Trasse folgen. Erst das frisch angelegte Golfgelände vor Beziers drängt mich etwas nach Süden ab. Aber nur 3 km weiter westlich finde ich die Via Domitia in Gestalt der D28 wieder. Diese führt direkt in die
Stadt Beziers hinein, teils als vierspurige Hauptausfallstrasse. Vorbei an riesigen Einkaufszentren verläuft die
"Voie Domitienne", so der heutige Strassenname, an der Arena vorbei zur Allee Paul Riquet.
Auf dem prächtigen Boulevard,
der nach dem berühmtesten Sohn der Stadt und Erbauer des Canal du Midi benannt ist, pulsiert das Leben. Laute Musik
veranlasst mich, die Twin zu parken. Als ich sie mitten im Getümmel vor einem Strassencafe rückwärts in eine kleine
Lücke rangiere, spricht mich ein junger Franzose an. Kurzerhand hebt er einen Roller auf die Seite, um mir das einparken
zu erleichtern. Ich lehne die Twin auf den Seitenständer und sie neigt sich dicht an eine Supermoto, die dort in der
Sonne glänzt. "Pas de probleme!" Die Supermoto gehört ihm, der Roller seiner Freundin. Er bedient hier im Cafe und wird
erst am Abend wegfahren. Meine Twin wird sich hier wohlfühlen.
Auf dem Boulevard findet gerade ein historischer Umzug statt. Trommeln und Fanfaren sind zu hören, Tänzer, Gaukler und
Jongleure bevölkern den Platz. Angeführt von einem riesigen Kamel ziehen Mönche, Ritter und Burgjungfern, teils hoch
zu Roß, durch die Stadt. Die bunte Szene hält sich zwar nicht an mein römisches Leitmotiv, der Trubel ist dennoch
für jede Menge schöne Schnappschüsse gut.
Quer durch die winzigen Gassen der Altstadt von Beziers, lateinisch Baetterae, geht es weiter.
Die Orte, an denen die Römer ihre Arena und
das Theater gebaut hatten, erkennt man als Tourist heute nur noch an den Strassennamen. Die römischen Fundamente sind
unter der mittelalterlichen Bebauung versteckt.
Unten am Fluss Orb aber existiert noch die Pont Vieux, die alte Brücke,
auf der schon die Via Domitia den Fluß überquerte. Sie dient noch heute, nach über zweitausend Jahren, dem Verkehr;
wegen ihrer geringen Breite zur Einbahnstrasse deklariert.
Gemeinsam mit der darüberliegenden Kathedrale St. Nazaire prägt diese Brücke das
Stadtbild von Beziers. Als ich diese Postkartenansicht aufnehmen möchte, muss ich leider feststellen, dass sich in
meinem Koffer eine PET-Flasche mit Mineralwasser geöffnet hat. Meine topographischen Karten kann ich durch
ein halbstündiges Sonnenbad noch einigermaßen retten. Für eine meiner Kameras bedeutet das unfreiwillige Bad
Totalschaden.
Die Via Domitia zieht sich weiter nach Westen auf kleinen Asphaltwegen über den Canal du Midi und den Ort
Colombiers nach Malpas. Dort überwindet sie die Flanke des Hügels von Enserune. Hier häufen sich die Sehenswürdigkeiten.
Oben auf dem Hügel lag vor zweitausend Jahren eine keltische Stadt, ein sogenanntes Oppidum. Die Befestigungsmauern
aus geschichteten Steinen, die Fundamente der Häuser und im Boden eingelassene Amphoren zur Vorratshaltung kann man ebenso
besichtigen, wie zahlreiche Funde im Museum vor Ort. Von hier oben hat man eine herrliche Aussicht auf den Etang
de Montady, eine sternförmige Anlage von Entwässerungssystemen aus dem Mittelalter, die irgentwie ausserirdisch
anmutet. Dieser Etang entwässert über einen Tunnel unter dem Hügel hindurch.
Überhaupt ist der Malpas durchlöchert
wie ein Käse, geht doch auch noch ein Eisenbahntunnel und ein Tunnel für den Canal du Midi hindurch.
Vorbei an einem Weinfeld, welches sich zwischen die Bahnlinie und den Kanal quetscht, folge ich der Via Domitia
weiter nach Westen. Kurzzeitig ist sie identisch mit der D37E, dann geht es wieder auf Schotter bis an ein
altes Schleusengebeude, welches auf der Karte als La Viala verzeichnet ist. Hier knickt die Trasse nach Süden
ab und verläuft an dem kleinen Kanal de la Noer entlang auf Narbonne zu. Zum Glück ist es sehr trocken. Einige
Stücke des Pfads würde ich nach einem Regen nicht unter die Räder nehmen.
Man kommt über eine kleine Brücke. Ob sie
römischen Ursprungs ist, oder aus späterer Zeit, vermag ich nicht zu entscheiden. Der Hof in der Nähe heisst
Pontserme, vom lateinische pons septimus, die Brücke an der siebten Meile von Narbonne aus.Ob es diese ist?
Irgentwann stosse ich auf den Fluß Aude, der
vor ein paar hundert Jahren sein Bett gewechselt hat. Zu Zeiten der Römer wurde der Fluß in der Nähe des Dorfs Cuxac
per Fähre überquert.
In Narbonne finde ich die Via Domitia auf dem Platz vor der Kathedrale wieder. In den Städten war die römische
Strasse gepflastert und ein Stück dieses Pflasters ist hier freigelegt. Ganz in der Nähe ist die Rue du Pont des Marchands,
die, ähnlich wie bei der berühmten Ponte Vecchia in Florenz, mitsamt ihren Häusern auf einer Brücke steht.
Es handelt sich um die römische Brücke der Via Domitia. Heute führt sie über den Canal de la Robine der hier
in einem ehemaligen Bett der Aude verläuft.
Südlich von Narbonne lassen sich erst an der spanischen Grenze wieder Stücke zu meinem Puzzle hinzufügen.
Die Via Domitia verläuft zunächst Richtung Westen, um bei der Abbaye de FontFroide nach Süden abzubiegen.
Der genaue Verlauf ist jedoch unklar.
Bei Roquefort des Corbieres verlief sie etwa dort wo heute ihre
moderne Nachfolgerin, die N9 nach Perpignan verläuft. In der Nähe von La Grange markiert die Chapelle de Saint Pancrace
ihren Verlauf. Bei Fitou ist ein Meilenstein zu bewundern.Der Ort Salses les Chateau leitet seinen Nahmen von der
römischen Etappe Salsulae her. Von hier erkennt man die Via Domitia in dem schnurgeraden Asphaltsträßchen Richtung
Claira wieder. Der Fluß Tet wurde im Nordosten von Perpingnan mit einer Brücke überwunden, die es heute nicht
mehr gibt. Am Südufer des Tet lag die keltische Stadt Ruscino, heute Chateau Roussillon. An Capestany vobei geht
es nach Alenya. Als D11 läuft die Via Domitia noch heute gerade auf Elne, das römische Illberis, zu.
Der Tech wurde an der Mühle von Brouilla überquert.. Bei Boulou, römisch Ad Centuriones, trifft die Via Domitia
wieder auf die heutige N9.
Bei Les Cluses gibt es noch Reste römischer
Forts und am Col de la Panissars sieht man, wie die Römerstrasse aus dem Fels gehauen ist, und die Fundamente
der Trophee du Pompeii.
Nachdem schwierigen mittleren Teil, wo die Trasse heute weitgehend nicht mehr dem Verkehr dient, und dem Süden,
will ich mir am folgenden Tag ein Bild von noch fehlenden östlichen Teilstück machen. Im Osten der Stadt Montpellier,
die es zu Zeiten der Römer noch nicht gab, existierte die Station Sextantio, das heutige Castelnau-le-Lez. Hier
musste der Fluß Lez überquert werden und heute noch führt die Voie Domitienne steil hinauf auf den Hügel an dem
sich früher das Oppidum Sextantio befand. Vor dem Palais du Sport ist ein behauener Meilenstein ausgestellt, weiter
östlich in der Garrigue ein erhaltenes Stück der römischen Trasse.
Auch in Le Cres, Vendargue und Lunel finden sich Strassen mit den Namen Voie Domitienne oder Rue de la Monnaie.
Nordöstlich von Lunel gibt es etwas besonderes zu besuchen. An dem Ort, der auch heute noch Ambrussum genannt
wird, überquerte die Via Domitia den Vidourle. Von der Brücke die einst 12 Bögen hatte steht nur noch einer
mitten im Fluß. Trotzdem beeindruckt er. Ein paar Meter weiter nördlich hat man die Fundamente mehrere römischer
Villas freigelegt. Ein Meilenstein steht am Beginn eines Fußwegs, der mich auf den Hügel in das keltische
Oppidum Ambrussum führt. Hier kann ich zwischen den gut erhaltenen Befestigungsmauern und den Gebäuderesten
herumspazieren. Die Motorradkluft ist ausnahmsweise auch beim Gehen nützlich, da viele der Ruinen im
stacheligen Gestrüpp versteckt sind.
Auf dem Weg nach Nimes entdecke ich in Uchaud nochmal eine Strasse, die Voie Domitienne heißt, und komme
in Nimes dann zunächst zur Porte de France, die eigentlich mal das spanische Tor war. Jedenfalls ist dies
das Tor der römischen Stadtbefestigung, durch das die Via Domitia Nimes verließ. Nicht weit entfernt ist
die wunderbar erhaltene römische Arena. Innen findet gerade eine Show mit Stieren statt. Ein lärmender Mix
aus Publikumsgejubel, Lautsprecheransagen und spanisch klingenden Fanfaren dringt heraus. Die ganze Atmosphäre
lädt zum Verweilen ein. Im Cafe de la Bourse gönne ich mir erst einmal ein Panache, die französische Variante
des Alsterwassers, sogar alkoholfrei. Neben dem besterhaltensten römischen Theater bietet Nimes auch noch
einen der schönsten römischen Tempelbauten, die Maison Carree. Der von Norman Foster gestaltete Platz um den Tempel
strahlt eine tolle Atmosphäre aus. Zu südamerikanischer Musik zeigen Anhänger eines brasilianischen Kampfsports
der Grupo Candeias ihre tanzähnlichen Darbietungen. Ich gehe die Stufen zum Tempel hinauf. Innen sind einige
Statuen und Mosaike zu besichtigen.
Den östlichen Ausgang aus der Stadt bildete zur Zeit der Römer die
Porte Auguste, die ebenfalls gut erhalten ist. Als D999 führt mich die Via Domitia nach Beaucaire.
Auf dem Kreisel wo sie die D135 kreuzt ist ein rekonstruierter Meilenstein aufgestellt.
Einen echten Meilenstein finde ich am Ortseingang von Manduel neben dem Kreisverkehr.
Bei Redessan verlasse ich die D999, die hier etws nördlich der Via Domitia schwenkt. Am Waldrand
auf einer Schotterpiste folge ich der alten Trasse vorbei an zwei alten Meilensteinen.Hinter
Jonquieres verliert sich die Spur an einem steilen Hang den ich rechts umfahre.
An einem Steinbruch
ist rechts und links die Landschaft umgewühlt. Die Via Domitia hat man zum Glück auf einem
ca 50 m breiten Streifen unberührt gelassen. Hier stehen gleich 3 historische Meilensteine
nebeneinander. Auch innerhalb der Stadt Beaucaire erkennt man den Verlauf der Trasse an den
heutigen Strassennamen, chemin des romains. Die Rhone war die Grenze der römischischen Provinz Gallia
Naboniensis.
Auf ihrer Ostseite gab es die Möglichkeit der Via Domitia über die Alpen zu folgen oder der Via Aurelia an der Küste entlang.
Via Domitia Dokumentation
Allgemeines
Die Region Languedoc-Roussillon ist eine uralte Kulturlandschaft voller Zeugnisse aus der Zeit griechischer, keltischer und römischer Besiedlung und reichhaltigem Schatz an mittelalterlicher Architektur. Hier braucht man nicht weit zu fahren, um auch nach vielen Reisen in die Region immer wieder neues zu entdecken. Eher schon wird man von dem überreichlichen Angebot überwältigt.Die Via Domitia durchzieht diese Region auf einer Läange von 275 Kilometern von Perthus an der spanischen Grenze bis an die Rhone. Mit ihrem Bau wurde etwa 120 v. Chr. begonnen und sie diente bis ins Mittelalter, zum Teil sogar bis heute als wichtigster Verkehrweg. Sie ist die Hauptmagistrale und Ausgangspunkt für ein Netz römischer Strassen. Damit ist sie der erste und wichtigste Schritt für den Aufbau einer dauerhaften Infrastruktur in der Region gewesen. Städte wie Arles und Nimes mit ihren grossartigen römischen Baudenkmälern und Wasserleitungen, wie z.B. das Aquäduct von Uzes über den berühmten Pont du Gard nach Nimes, wurden in der Folgezeit möglich.
Die Via Domitia durzieht eine beliebtesten Ferienregionen Frankreichs und bietet doch an vielen Stellen Gelegenheit zu beschaulichen Erfahrungen abseits der großen Touristenströme.
Anfahrt
Von Deutschland aus ist der Süden Frankreichs in flotter Landstrassenfahrt über Besancon durch das französische Jura über Lyon erreichbar. Rund um Lyon bis Vienne bietet sich die dort mautfreihe Autobahn an. Südlich von Vienne ist die Landstrasse am westliche Ufer der Rhone für den Motorradfahrer attraktiver.
Klima/Reisezeit
Das Languedoc ist ganzjährig mit dem Motorrad bereisbar. Das letzte Weihnachten ließ sich bei 16 Grad auf der Terasse geniessen. Im Sommer kann es sehr heis werden, dann empfielt sich ein Quartier in Küstenähe, wo an solchen Tagen tagsüber und abends eine kühle Brise vom Meer her weht. Regelmäßig gibt es, besonders im Bereich zwischen den Pyrenäen und Narbonne, starke Fallwinde. Dieser Tramontane genannte Wind ist dem aus dem Rhonetal bekannten Mistral vergleichbar.Ausserhalb der französchen Ferienzeit ist es erfahrungsgemäß kein Problem, spontan ein Hotel zu finden. In der Hochsaison sollte man sicherheitshalber Vorbuchen. Besonders in Strandnähe gibt es überall reichlich Campingplätze. Wegen der geringen Entfernungen zu den Sehenswürdigkeiten kann man die Teile der Tour gut von einem zentralen Quartier anfahren. So kann man die Tour gut mit den üblichen Bedürfnissen eines erholsamen Urlaubs kombinieren. Wir haben auf dem Camping Mediterranee Plage Quartier bezogen, der zur Gemeinde Vias gehört. Dieser vermietet wie viele Plätze der Region auch wochenweise Mobilhomes.
Motorradfahren
Motorradtouristen werden in Südfrankreich freundlich aufgenommen. Das Fahren ist wesentlich entspannter als in Deutschland. Einspurige Strassen und Schotterwege sind in der Regel nicht gesperrt. Dies gibt die Gelegenheit auch ungewöhnliche Ziele direkt mit dem Motorrad anzufahren.Speziell beim Befahren der Verfallenden Reste der Via Domitia Trasse sollte man sich jedoch immer vergegenwärtigen, dass es sich um historisches Monument handelt, auf das die Anwohner sehr stolz sind. Zudem führen die Passagen zwischen den Weinfeldern und Gutshöfen in der Regel über privaten Grund und Boden. Zurückhaltung und Rücksicht sind also angebracht. Wenn man einen Winzer bei der Arbeit trifft sollte man fragen, ob er einem die Passage genehmigt. Absperrungen von Waldwegen wegen Feuergefahr sind unbedingt zu respektieren.
Karten
Die Michelinkarte Nr. 240 deckt das gesamte Gebiet ab. Zum Auffinden der verfallenden Teilstücke zwischen Narbonne und Montpellier sind topographische Karten erforderlich: IGN 2545ET und IGN 2645ET.
Literatur:
Pierre A. Clement, Alain Peyre, La Voie Domitienne, Presse du Languedoc, in französisch, am besten vor Ort im Buchhandel zu erwerben.Im Internet: www.viadomitia.org
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